Besoffen auf der Polizeiwache – GURR

Ihre Lieder gehen gerade durch alle Decken, die Tour ist ausverkauft, die Gitarren glühen vor Ekstase und wir vor Freude sie heute bei Ruhmsucht vorstellen zu dürfen: GURR! Die Musik wird beschrieben als Garage-Rock-Basics mit Psychedelic- und Wave-Elementen auf Popmelodien, die Band kreiert ein eigenes Genre namens First Wave Gurrlcore. GURR, das sind Laura Lee und Andreya Casablanca, zwei Wahlberlinerinnen mit Herz und einem vollen musikalischen Koffer, den sie uns gehörig um die Ohren hauen wollen. Wir treffen die beiden an einem verregneten Abend in der Obhut der Hackeschen Höfe zum Umtrunk.

2015 kam das erste Album Furry Dream raus, heute spielen Laura und Andreya eine ausverkaufte Deutschlandtour. Aber auch in England und Amerika kann man bald live zu ihren Songs das Tanzbein schwingen. Der Bandname beruht auf Lauras riesiger Angst vor Tauben.

Laura: Ich habe mir Tauben genau angeschaut und gesehen, wie widerlich die sind. Dann habe ich mir vorgestellt, was zwischen den Federn ist und die Füße sind auch richtig eklig, oft fehlen Zehen.

GURR haben sich in der Uni kennengelernt. Sie studieren beide Medienwissenschaften, sitzen im Englischkurs zufällig nebeneinander und stellen eines Tages fest, dass sie zusammen Musik machen sollten.

 

Ruhmsucht: Glaubt ihr an Schicksal?

Andreya: Nein. Dann wäre ja alles fremdbestimmt.

Laura: Ich glaube schon, dass man fremdbestimmt ist, schon anhand deiner Herkunft, deinem Bildungshintergrund. Aber Leute, die an Schicksal glauben, sagen immer … .

Andreya (singend!): Wenn ich meine große Liebe treffe, dann ist das Schicksaaaal!

Damit ihr eure wunderschönen Popos auch außerhalb der Tour schütteln könnt, spielen die beiden musikalische Bonbons in der 8MM Bar und der Kantine am Berghain. Die musikalische Devise lautet: volle Möhre Girlpower.

Laura: Ich fühle mich eher zu weiblichen Stimmen hingezogen, kann mich damit besser identifizieren. Allerdings haben wir keine Quotenpläne für die Party.

Andreya: Das ist lustig, vor einem Jahr haben wir schon mal darüber geredet und ich meinte, dass ich gar keine Musik von Frauen höre. Als wir dann in die Playlist schauten, waren fast ausschließlich weibliche vocal songs am Start.

Laura: Ich war einmal kurz sauer als auf einem unserer Flyer „Post Riot Girl Music“ stand. Dann dachte ich aber, dass Post Riot Girl auch voll der gute tag ist. Post muss ja nicht unbedingt „dagegen“ heißen, das bringt auch neue Möglichkeiten.

 

Ruhmsucht: Wir haben kräftig gestalkt und eine private Playlist von Andreya mit Justin Bieber, Katy Perry und Lady Gaga gefunden. Wem würdest du diese Playlist gerne im 12-Stunden-Loop vorspielen?

Andreya: Den Gästen von der 8MM Bar (lacht)! Allen Menschen, die Pop skeptisch gegenüber stehen. Wenn die danach nach Hause gehen, summen sie alle Songs, weil sie sich ins Hirn eingebrannt haben. Ha!

 

Ruhmsucht: Auch bei Laura haben wir tief gegraben und eine Playlist mit dem Namen „Horror“ aus der Versenkung hervorgeholt.

Andreya: WAS? Eine Horror-Playlist? Davon weiß nicht mal ich was.

Laura: Wir studieren ja Medienwissenschaft und da habe ich ein Computerspiel entworfen, was nur aus Sounds funktioniert: ein Horror-Sound-Spiel. Das ist wie ein interaktives Hörbuch. Du hörst zum Beispiel dort drüben eine Tür aufgehen, kannst dahin laufen und die Tür kommt soundtechnisch immer näher. Deshalb habe ich mich mit Gruselsounds befasst und Sachen wie den Soundtrack zu Halloween in dieser Playlist.

 

Ruhmsucht: Du hast außerdem eine Playlist namens „ICE“.  Bist du eine rastlose Zugreisende mit den besten Einfällen abseits gepflasterter Straßen?

Andreya: lacht laut und klatscht sich in die Hände

Laura: Definitiv! Aber ich habe die besten Einfälle tatsächlich unterwegs. Walnuss habe ich in der U-Bahn geschrieben.

Ruhmsucht: Walnuss ist euer einziger, deutscher Song. Den habt ihr im Ballhaus gespielt. Wie kam das?

Andreya: Wir wollten unbedingt im Ballhaus spielen, uuunbedingt!

Laura: Für die älteren Leute im Ballhaus sind Bands ohnehin ein Kulturschock. Damit dieser so klein wie möglich bleibt, gilt für alle Band die  Bedingung, dass auf Deutsch gespielt wird. Außerdem ist das für den Schlager-Flair gut.

 

Ruhmsucht: Ihr werdet oft mit der Riot Grrrl Bewegung assoziiert, sollt in ihre Fußstapfen treten.

Andreya: Die Intro meinte neulich in einem Interview über uns: „Wir brauchen den politischen Rock zurück.“ – So ein Quatsch!

 

Ruhmsucht: Im Song Moby Dick singt ihr die Zeile: „I don’t dive i’m just tiptoeing through the night – schleicht ihr euch doch heimlich zum politischen Rock?

Andreya: Ich habe diese Zeile geschrieben, als es die vielen Attentate und schlimmen Dinge mit Asylsuchenden gab. Ich wollte was Politisches machen, hätte mich aber in dem Moment selbst anlügen müssen, da ich voll die politische Ignorantin bin. Ich finde Dinge, die in der Welt geschehen schlimm, aber tue nichts dagegen. Ich interessiere mich eher für Popkultur und gleichzeitig ärgert mich das. Die Zeile bedeutet, dass ich irgendwie schon am Ziel ankomme, wenn auch schleichend und langsamer als Andere.

 

Ruhmsucht: In welcher Beziehung seid ihr Spätzünder?

Laura: Ich bin immer schon voll groß und sehe schon immer alt aus.

Andreya: Ich bin voll naiv und checke nicht, wenn Leute was ironisch meinen.

Ruhmsucht: Mit der Musik schafft ihr neue Möglichkeiten und habt sogar euer eigenes Genre erfunden. Bei aller Rebellion in der Musik: Habt ihr Dreck am Stecken?

Andreya: Laura wurde mal in einer Zone, wo nur Busse fahren durften, geschnappt und musste Strafe zahlen.

Laura: Dann kam der Polizist und hat mich abgemahnt.

Andreya: Also mir ist nie was passiert.

Laura: Doch, du musst das erzählen!

Andreya: Aber das zählt nicht…

Laura: Andreya‘s Eltern mussten sie von der Polizeiwache abholen, weil sie so besoffen war.

Andreya: Das hat mich wirklich geprägt. Ich durfte lange nicht ausgehen und die Strafe war, dass ich in den Sommerferien mit meinen Eltern in die Toskana fahren musste. Hallo? Was ist denn das für eine Strafe? Das war heftiger Psychoterror. (lacht)

 

Ruhmsucht: Es gibt in eurem Dunstkreis die Band Girlie. Andreya, du trägst außerdem häufig das Girlie-Shirt mit dem blauen Kaktus. Gibt es geheime Banden?

Andreya: Ich hab mit Jan, dem Bassisten bei Girlie in der UDK im selben Büro gearbeitet. Wir kennen uns schon ewig und haben schon lange Pläne was zusammen zu machen. Wir sind friends und das T-shirt ist cool!

 

Ruhmsucht: Ihr habt ein Album aufgenommen, geht jetzt auf Tour. Gleichzeitig laufen Arbeit, Job und Uni. Was ist das Geheimrezept dabei nicht durchzudrehen?

Andreya: Mir hilft es, wenn ich abends weggehe. Feiern oder auf Konzerte, damit mir zu Hause nicht die Decke auf den Kopf fällt. Ansonsten waren wir ständig krank. Wir haben neben Uni und Job Touren gebucht und Organisationskram gemacht, das ging noch. Als wir allerdings im Studio aufnahmen, waren wir fast durchweg krank. Das hört man (oder zumindest wir) auch auf dem Album.

Laura: Im Moment haben wir Arbeit und Uni reduziert und uns dazu entschieden, dass 2017 zum Year-of-the-GURR wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text: Diana Schieck

Fotos: Nina Sartorius / Palindromfotos.

 

 

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