„Das ist der beste Job der Welt!“ – Clownfischerei

Um ehrlich zu sein war ich nie ein großer Fan von Clowns. Ich fand sie als Kind schon eher gruselig als lustig. Da diese Geschöpfe dazu noch die Protagonisten im einen oder anderen Horrorfilm sind, hielt sich meine Sympathie Clowns gegenüber stets in Grenzen.
Vielleicht ändert sich das heute. Wir haben ein Date mit Sirkka Remes. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin aus Finnland verdiente zunächst ihr Geld als Journalistin bei einer Zeitung, bei der sie später eine eigene Kolumne hatte. Ihr Tatendrang und der Wunsch, Schauspielerin zu werden, ließen sie nach Toulouse ziehen, um Schauspielkurse zu besuchen. Bei der Aufnahmeprüfung für eine Schauspielschule in Paris wurde sie abgelehnt – brachte aber einen ganzen Saal, aufgrund ihres Talentes, zum Lachen. Ihr wurde empfohlen, Clown zu werden. Also wurde Sirkka Clown.
Es ist einer der wenigen Berliner Sommertage dieses Jahres als wir es uns vor einem kleinen Café in Moabit gemütlich machen, um Sirkka die Geheimnisse der roten Nasen mit den lustigen Kostümen zu entlocken.

 

Ruhmsucht: „Werde doch lieber Clown.“ – Was war dein erster Gedanke als du das gehört hast?

Sirkka: Auf der einen Seite war ich schon etwas enttäuscht. Ich wollte ja Schauspielerin werden. Allerdings hatte ich auch schon lange humoristische Kolumnen geschrieben. Mein damaliger Chef sagte mir da, dass ich schon in dem Gebiet bleiben solle.

 

Ruhmsucht: Wie war es dann in der Clownschule?

Sirkka: Es war ein Neuanfang. Weil du als Clown viel mehr mit dem Körper arbeitest. In der Schauspielerei hast du das alles am Anfang. Später konzentrierst du dich eher auf die Texte. Die Körperlichkeit rückt in den Hintergrund. Das ist bei der Clownerie nicht so. Mit dem Körper sprechen ist das Wichtigste. Das gilt für alle Clowns-Arten.

 

Ruhmsucht: Gutes Stichwort! Wir haben auf deiner Homepage umhergeschnuppert und entdeckt, dass du dich auf den Bühnenclown spezialisiert hast. Was gibt es denn für Clowngenres? Und was ist am Bühnenclown das Schönste?

Sirkka: Der bekannteste Vertreter ist der traditionelle Zirkusclown. Natürlich gibt’s auch noch den Kinderclown. Der hat natürlich eine ganz andere Umgangsweise mit dem Publikum, wenn dieses aus kleinen Kindern besteht. Der Bühnen- oder Theaterclown ist dagegen berührender, emotionaler. Der muss nicht immer lustig sein. Das ist auch das Schöne. Die Leute, statt immer zum Lachen, auch mal zum Grübeln, Nachdenken, Schwelgen zu bringen.

Ruhmsucht: Was kommen denn für Leute in deine Workshops? Kommen die schon aus dem Clown-Kontext und wollen ihre Skills vertiefen? Oder tendieren die Workshops in Richtung Selbsthilfetraining für schüchterne Menschen?

Sirkka: Die Mehrheit hat im Entferntesten schon einmal etwas mit Clowns zu tun gehabt. Dann gibt es Leute, die kommen aus dem Theater-, Bühnen- oder dem pantomimischen Bereich und wollen eine andere Facette der Darstellung kennenlernen. Aber ich habe auch öfters ältere Menschen bei mir, welche ihre Enkel zum Lachen bringen oder etwas Neues entdecken wollen. Die Altersspanne in den Workshops reicht von 20 – 75.

 

Ruhmsucht: „Um Clown zu werden, muss man sich in ein kleines Kind versetzen, welches die Welt zum ersten Mal entdeckt: wie man mit vielen Mühen die ersten Schritte macht oder zum ersten Mal Schnee berührt.“ Worte, mit denen du die Clownerie beschreibst. Was versuchst du den Leuten mit nach Hause zu geben?

Sirkka: Dass sie versuchen sollen, nicht nur an das Spielen zu denken. Denken, Denken, Denken. Sie sollen sich den Druck nehmen, lustig sein zu müssen. Ein Clown ist viel mehr als das. Nicht zu viel bewusst versuchen, einfach sein. Die Lustigkeit kommt vor allen Dingen von der Naivität des Clowns. Den inneren Clown entdecken zuerst die Menschen außerhalb, bevor du ihn selbst erkennst.

 

Ruhmsucht: Welche Menschen finden ihren inneren Clown leichter?

Sirkka: Dazu kann ich eine kulturelle Beobachtung abgeben: Manche meinen, dass es Menschen aus Südamerika und Südeuropa leichter haben als beispielsweise Deutsche oder Franzosen. Warum kann ich nicht genau beantworten. Ich glaube, dass es Menschen, welche ihren Alltag auch mal spontan bewältigen leichter fällt ihren inneren Clown zu entdecken. Leuten, die stets in ihrer Rolle bleiben müssen, fällt es schwerer loszulassen. Naivität ist da nicht leicht zu akzeptieren. Manche Persönlichkeiten brauchen einfach mehr Zeit. Aber sie schaffen es irgendwann. Das ist dann großartig mit anzusehen.

 

Ruhmsucht: Auf deiner Homepage hast du verschiedene Unterpunkte aufgelistet, warum deine Workshops unbedingt besucht werden sollten. Manche Punkte klingen, als hätten die Workshops leicht therapeutische Züge. Ein großes Thema ist Loslassen. Warum fällt es so vielen Menschen schwer, loszulassen?

Sirkka: Der wichtigste Punkt dabei ist die Gewohnheit. Bekannte Muster loslassen und Neues probieren. Die meisten Menschen spielen zudem selten vor einem Publikum – und das auch noch hoch emotional. Man hat gelernt, sich zu schützen und mit Hilfe dieses Schutzwalls nach außen ein bestimmtes Gesicht zu wahren. Dieser Schutzwall wird in den Workshops eingerissen und dadurch bietet sich die Chance, ganz neue Seiten an sich kennenzulernen. Dieser Schritt ist jedoch schwer weil oft die Angst vor Peinlichkeiten überwiegt.

Ruhmsucht: Sind Clowns eine aussterbende Spezies?

Sirkka: Vielleicht sterben sie nicht aus. Aber sie verändern sich stark. Genauso wie Oper, Kabarett und klassisches Theater ändert sich auch die Clownskunst. Die Orte, an denen Clowns arbeiten, ändern sich. Statt Kabaretts gibt es immer mehr Krankenhäuser, welche Clowns für die kranken Kinder beschäftigen. Die Form der Clowns und die Orte durchlaufen gerade einen Wandel.

 

Ruhmsucht: Welcher Gag funktioniert immer?

Sirkka: Reaktionen. Wenn du auf Geräusche aus dem Publikum reagierst und diese mit einbeziehst – das ist immer lustig!

 

Ruhmsucht: Heute ist deine Jobbezeichnung: „Clowndozentin“. Was birgt dieser Beruf für Hürden?

Sirkka: Wie bei jedem Unterricht ist auch der Clown- Unterricht total anstrengend. Ich bin nach den Seminaren oft richtig müde weil ich, während der Workshops, diese genieße und immer voll dabei bin. Aber nach den Workshops kommt dann die Müdigkeit. Auch ist es schwierig mit Leuten zu arbeiten, die Angst haben, auf einer Bühne zu stehen. Ich frage mich oft wie ich denen helfen kann. Wie ich ihnen die Angst nehmen kann damit sie sich entspannen können.

 

Ruhmsucht: Und was ist schön?

(Sirkkas Augen fangen an zu leuchten)

Sirkka: Man lacht total viel, man arbeitet mit Menschen, die alle unterschiedlich sind. Das lässt unglaublich spannende Gruppendynamiken entstehen. Ich habe das Gefühl, dass ich den Leuten etwas bieten kann, das ihnen Spaß macht und sie gleichzeitig lernen lässt, auch in schwierigen oder peinlichen Situationen locker zu bleiben. Währenddessen denke ich mir

Das ist der beste Job der Welt.

Fotos: Verena Ruschemeier

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