Blinde Flecken – Meine Gesichter

ILLU-1
Wie fühlst du dich, wenn alle Menschen, die an dir vorbei gehen, aussehen, als würden sie zu viel rauchen? Ihre Köpfe saugen den Rauch förmlich auf, füllen die leere Kopfform, bis der Nebel alle Gesichtszüge verschleiert.


Die erste Verabredung.

Du bist verabredet und wartest am gesagten Treffpunkt auf deine Freundin, ihr wollt einen Tee trinken gehen. Es ist Punkt 15:00 Uhr. Eigentlich müsste sie jetzt da sein. Dein Blick schweift über die Menschen, die an dir vorbei gehen. Bis hierhin sicher ein bekanntes Szenario. Doch dann beginnt in meinem Kopf ein ganz anderes Kino. Wie jeder Menschen scanne ich die Gesichter, um zu erkennen, ob eines das meiner Freundin ist. Doch dabei bleibe ich an jedem weiblichen Gesicht hängen, weil ich mir nicht sicher bin, ob diese oder jene Frau die richtige ist. Diese oder jene geht dann an mir vorbei und nimmt den Mann hinter mir in den Arm. Es ist für mich jedes Mal sehr erschreckend, in jeder von ihnen vermeintlich meine Freundin zu sehen. Ich stehe da und sehe diese Gesichter als das, was sie sind. Doch ich erkenne sie nicht als Abbild derer Menschen, die ich kenne. In zu vielen Gesichtern finde ich zu ähnliche Merkmale, sodass ich immer wieder in Versuchung gerate, zu denken: Das ist ein mir bekanntes Gesicht.

„Hat sie dieselbe Nase wie sie?“

„Hat er das gleiche Lächeln wie er?“

Und wenn ich merke, dass ich mich wieder in diesem Schwindelgefühl aus Anstarren und Abscannen befinde, senke ich den Blick und warte, bis mich jemand ruft oder berührt, in der Hoffnung, dass es die besagte Freundin ist.

 
Die weiße Leinwand.

So geht es mir jedes Mal. Menschen gehen an mir vorbei, sehen mich an und sobald sie an mir vorüber sind, tauscht eine weiße Fläche den Platz mit ihrem Gesicht.

Eine weiße Leinwand.

Wenn ich Glück habe, hat dieser Mensch ein besonderes Merkmal im Gesicht. Einen Leberfleck, eine schiefe Augenbraue, besonders schöne Zähne oder Lippen, tiefgraue Augen oder Piercings. Dann bleiben genau diese Merkmale auf dieser Leinwand. Mehr nicht.

illu-2
Die Methode zu Erkennen.

Wie also schaffe ich es doch, auf den richtigen mir bekannten Menschen zuzugehen?

Ich sehe den Menschen als Ganzes, als das was er ist: Als sein Erscheinungsbild. Nicht nur ein Abbild auf einem Papier, sondern wie er sich bewegt, wie seine Stimme vibriert, wie er den Kopf schief legt, wenn er mir etwas erzählt, welche Form sein Körper hat, wie er lacht, wie er sich anzieht. Ich kann Menschen sogar an ihrem Gang erkennen, wie sie die Treppe hinauf und hinunter gehen. Ist es wahrscheinlich, dass ich diesen Menschen hier treffen könnte?

So fächern sich verschiedene Merkmale auf, wenn ich an meinen Freundeskreis denke.

Eine Freundin ist eher schlank, trägt eine Brille, hat einen selbstbewussten Gang. Doch in meinen Vorstellungen sind mir vor allem ihre Oberschenkel präsent. Verrückt oder?

Eine andere Freundin, erkenne ich an der tiefen Stimme, am Gesamtkörperbild und ihrer warmen Art, wenn sie zu sprechen beginnt. Sie ist ein Abbild einer wunderbaren 50-iger Rock’n’Roll Frau. Eine Andere erkenne ich an der Frisur, ihrem Septum und der hohen Stimme. So kann ich mit 99%-iger Sicherheit an diesen Merkmalen festmachen, dass sie es wirklich sind. Es ist auch kein Problem, stellt man mir diese Menschen und Fremde nebeneinander. Sie sehen für mich unterschiedlich aus und ich erkenne meine bekannten Personen auch untereinander wieder. Halte ich sie mir aber alle als inneres Bild vor Augen, als Abbild in meinem Kopf, haben sie alle dieselben Gesichter, vielleicht eine unterschiedliche Gesichtsform, aber Mund, Augen und Nase sehen bei jedem gleich aus.

So ersetzt der Verstand das Gesicht mit einem weißen, blinden Fleck. Es ist also nicht das Erkennen als Erinnerung, sondern das bewusste Erinnern im Kopf. Demnach geschieht es auch jedes Mal, dass diese Gesichter wie Sand durch die Finger rinnen, sobald sie an einem vorübergegangen sind.

 

Die Gefühlswelt.

Es ist manchmal schwierig. Jetzt, wo ich weiß, dass andere sehr wohl Gesichter in ihrer Erinnerung sehen können. Bis ich wusste, dass ich wohl einen Defekt, so würde es wohl die Medizin ausdrücken, in meinem Erinnerungszentrum habe, war es für mich kein Problem auf Menschen zuzugehen. Ich erfand Ausreden für mich, ohne zu wissen, dass es welche waren, warum ich diese Personen nicht erkannt habe. Vielleicht war ich zu müde, zu hektisch oder konzentrierte mich zu wenig.

Doch jetzt, seitdem mir bewusst ist, dass viele der anderen Menschen damit kein Problem haben, ist es mir unangenehm auf neue Menschen zu treffen. Für mein Hobby, die Fotografie, muss ich neue Fotografen oder Modelle zu einer Besprechung treffen. Sie dann nur anhand eines Fotos zu erkennen und trotzdem an ihnen vorbeizurennen, weil sie für mich einfach keine Ähnlichkeit mit dem Bild hatten, ist für mich zermürbend. Ich weiß nicht einmal, was ich dann sagen soll. Ist es wichtig, dass sie wissen, dass das nichts mit ihnen zu tun hat, sondern mit mir? Oft entscheide ich mich dagegen.

illu-3
Das Selbstbild.

Mein schlimmster Moment war jedoch der, als ich das erste Mal bewusst vor einem Spiegel auf mein Gesicht blickte- Als ich die Augen schloss und ich merkte, dass ich nicht einmal mein eigenes Gesicht vor meinem inneren Auge behalten konnte. Es zerfloss sofort zu weißem Dunst. Für mich ist jeder Morgen ein neues Hallo zu einem neuen Ich. Natürlich erkenne ich anhand meines Körpergefühls, dass ich das dort im Spiegel sein muss. Auch hier erkenne ich Merkmale wieder. Sie kommen mir bekannt vor, aber ich kann einfach nicht mit 100% Sicherheit sagen: „Das ist XY!“, geschweige denn: „Das bin ich!“. Je nach Stimmung glaube ich, mich ein wenig anders zu sehen, irgendwie formbar. Ich nehme es so an, denn ich kann es nicht ändern. Ich finde es sogar manchmal spannend und überraschend, was es mit mir macht.

Man lernt mit Gesichtsblindheit zu Leben, und es gibt sogar eine Zeit, da ziehe ich sehr viel Inspiration und Kreativität daraus. Und irgendwie bin ich dankbar dafür. Es ändert mein Menschenbild nachhaltig, da ich mir zwangsläufig andere Merkmale heranziehen muss und so oft viel fokussierter auf den Charakter blicken kann.

Am Ende ist all das auch nicht wirklich greifbar für mich. Es ist zu viel, worüber mach nicht nachdenkt, wenn man nicht darauf aufmerksam gemacht wird. Und zum ersten Mal in meinem Leben ist es etwas, das man nicht durch harte Arbeit ändern kann. Nichtsdestotrotz finde ich das Leben mit dieser „Krankheit“, so wie es ist, überaus spannend. Es lässt mich andere, vielleicht viel wichtigere Dinge an Menschen in den Fokus nehmen. Ich suche also weiter meinen Weg und hoffe auf noch viel mehr Menschen, die ehrlich mit sich und der Welt umgehen.

 

Text: Nóirín & Lyra
Illustration: Crystal Nastya

5 Comments

  • Evy sagt:

    Schöner Artikel! Ich habe schon einiges darüber gelesen, aber… der Artikel war bereichernd 🙂 Klischeefrage: Was sagt dein Umfeld dazu? Fällt es auf? Kann man als Mensch etwas tun, um es dir leichter zu machen? Möchtest du diese „Hilfe“?

    • Noirin & sagt:

      Die Kommentare hab ich jetzt erst entdeckt. Asche auf mein Haupt.
      Zu deinen Fragen. Mein Umfeld hat unterschiedliche Meinungen. Es gibt einige, die es als Quatsch ab tun und glauben ich bilde es mir ein. Zum Glück ist das für mich keine große Sache, wenn sie das sagen, da sie selber damit nicht leben müssen, und es wohl ebenso schwer vorstellbar ist wie die Unendlichkeit für viele. Andere wiederum finden es interessant. Fragen mich bestimmt eine handvolle Fragen und wollen alles wissen. Das persönlich finde ich wieder interessant. Kann viel daraus erkennen, wenn Menschen mit ihrem Interesse mir gegenüber auftreten.
      Es fällt selten bis gar nicht auf. Dieser Augenblick länger, um jemanden zu erkennen fällt niemanden auf. Ich gehe dennoch damit offen um, da ich wie gesagt durch mein Hobby auf Menschen anhand eines Bildes zugehen muss, mir aber das peinliche Suchen in der Menge ersparen möchte.
      Um es mir leichter zu machen? Eigentlich nicht. Stimme, Bewegungen bleiben ja immer gleich. Einzig und allein wäre nett, wenn Menschen an einem Abend oder bei einem Treffen nicht aller 5 Minuten ihre Klamotten wechseln. 😉
      Unterm Strich brauch und möchte ich auch keine Hilfe. Es fällt mir nicht allzu schwer so durch die Welt zu gehen.

  • neontrauma sagt:

    Hoppla, in deinem Text finde ich mich komplett wieder. Ich kann mir leider auch kaum Gesichter merken. Ich achte sehr stark auf die Details – Frisur, Brillenmodell, Muttermale etc., Figur und Größe, die Art und Weise, wie sich jemand bewegt, Stimme und so weiter. Nicht zuletzt auch auf den Kontext – wenn sich zwei Leute für mich ähneln, kommt Person A aber auf der Arbeit vor und Person B in der Nachbarschaft. Alles klar. Bleibt, wo ihr seid, und begegnet mir bloß nicht plötzlich in einer anderen Stadt. 😉
    Sobald jemand eine ganz neue Frisur hat oder ich jemanden nur flüchtig kenne, bin ich aufgeschmissen.

    Besonders peinlich finde ich das beispielsweise auf der Arbeit, wenn ich mit jemandem aus einer entfernteren Abteilung rede und der-/diejenige alles über mich zu wissen scheint – in welchem Team ich arbeite, wie ich heiße und so weiter – und ich keinen blassen Schimmer habe, wer das überhaupt ist.
    Bei Leuten, die ich nur grob kenne, vermeide ich meistens, sie mit Namen anzusprechen… nicht, dass das am Ende der falsche Name war, bzw. der richtige Name zur falschen Person. Alles schon passiert.

    Eine Zeitlang bin ich mit meinem Mann einmal im Jahr nach Kiel gefahren, um dort alte Freunde von ihm zu treffen. Und ich hab es gleich zwei- oder dreimal geschafft, mich höflicherweise dieser ganzen Gruppe von Fremden vorzustellen… um dann ein irritiert-amüsiertes“ja, wir kennen uns doch vom letzten Jahr…“ zu hören. Gnah…

    Wenn ich versuche, mir irgendein bestimmtes Gesicht vorzustellen, bekomme ich einfach kein stimmiges Gesamtbild vor Augen. Ein Wirbel aus Details – eine bestimmte Nasenform, die Augenfarbe, die Beschaffenheit der Haut, die Haarfarbe und so weiter, aber zusammengesetzt? Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht… oder auch nicht.

    Ich habe das lange Zeit für normal gehalten. Wie du auch schreibst – man geht ja erstmal von sich selbst aus und nimmt an, dass es allen anderen auch so geht.

    Ironischerweise erfüllle ich in dem Punkt das Nerd-Klischee, denn Zahlen wie Telefonnummern, IDs und so weiter kann ich mir problemlos merken. Es wäre sehr hilfreich, wenn jeder einfach seine Personalausweis-Nummer als Anstecker tragen würde. 😀

    • Für mich ist es auch spannend zu erfahren, dass man nicht allein damit umgehen muss. Das es anderen ähnlich geht und das es verschiedene Intensitäten dieser Art und Weise die Menschen zu sehen gibt. Ich sage bewusst nicht oft Krankheit dazu, weil es das für mich nicht ist. Es ist für mich quasi so, wie andere eine Brille tragen oder nicht zeichnen können.
      Ähnliche Situationen wie du hatte ich auch. Seit dem ich damit offen umgehe, bekomme ich eigentlich nur positives Feedback. So ist es mir lieber, als mit einem verwirrten Blick gestraft zu werden.

Kommentar verfassen