„Erstmal nur die Kunst und dann der Rest“ – FOXOS

img_9430-kopie
Eigentlich hatten wir unseren Interviewtermin mit FOXOS bereits Anfang des Jahres. Da musste Rick seinen Trip nach Berlin aber aus gesundheitlichen Gründen absagen. Seitdem hat sich viel getan: Rick hat sich von seinem Bandkollegen Jonas Fritsch verabschiedet und beschlossen FOXOS wieder als Soloprojekt laufen zu lassen, ist auf dem Reeperbahnfestival aufgetreten und stand mit seinen großen Idolen Hundreds auf der Bühne. 

 

Ruhmsucht: Von außen betrachtet wirkte 2016 wie eine einzige Achterbahnfahrt. Wie fühlst du dich, wenn du auf das Jahr zurückschaust?

Rick: Also Achterbahnfahrt trifft es ganz gut. Die Hauptentscheidung, dass ich alleine weitermache, ist auch eine Gruppenentscheidung gewesen. Jonas und ich hatten einfach unterschiedliche Vorstellungen davon, wie das Projekt weitergehen soll. Jonas war sich nie hundertprozentig sicher, ob er Musiker sein will. Für mich war das ein Hindernis, weil für mich klar war, dass es nichts Anderes gibt. Er ist dieses Jahr noch live dabei gewesen, aber er hört jetzt auf und macht ein Medizinstudium – geht also einen ganz anderen Weg. Das ist aber alles cool.

Es war auf jeden Fall ein sehr turbulentes Jahr. Es ist viel Scheiß passiert, aber auch viel Gutes. Die Kooperation mit Hundreds war für mich ein wahrgewordener Traum, weil ich die, seitdem es sie gibt, verfolge und sie für mich zu den innovativsten Popmusik-Künstlern zählen, die es in Deutschland im Moment gibt, neben zum Beispiel Moderat.

 

Ruhmsucht: Und was sind deine guten Vorsätze fürs neue Jahr?

Rick: Insgesamt freue ich mich auf mehr Beständigkeit in 2017. Ich werde wieder live unterwegs sein und weiter produzieren. Und wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, wird auch endlich Ende des Jahres das neue Album kommen. Ich kann’s selber kaum mehr aushalten!

 

Ruhmsucht: Das Album wird Moon Wolves heißen. Wölfe sind Rudeltiere und bei Live Auftritten hast du immer auch instrumentale Unterstützung mit auf der Bühne. Wie wichtig ist für dich ein funktionierendes Rudel?

Rick: Super wichtig! Das ist die Basis für Alles. Und ich muss auf jeden Fall der Leitwolf sein, wenn es um Sachen geht, die ich selber initiiere.

Das ganze Projekt ist mein Kind.

Und ich kann die Erziehung von meinem Kind nicht jemand anderem übertragen. Aber nichtsdestotrotz funktioniert es nicht ohne ein Rudel. Es muss ein Team geben, das zur Unterstützung, vor allem live, dabei ist. Ich mag es nicht, wenn man auf der Bühne steht und alles außer dem Gesang Playback ist. Davon gibt es für mein Empfinden immer mehr Künstler, was sehr schade ist, weil dadurch das Organische verloren geht.

 

Ruhmsucht: Was hat es mit dem Polarfuchs auf sich? Einfach ein schönes Wappentier oder gibt es da eine besondere Geschichte zu?

Rick: In Fabelgeschichten ist der Fuchs immer der gemeine, der listige und fiese Akteur. Er stiehlt Gänse oder trickst die anderen Tiere aus und will immer was Böses. In der realen Welt ist es genau umgekehrt. Der Fuchs ist ein sehr zurückhaltendes Tier. Mich fasziniert genau dieser Zwiespalt von Realität und Fiktion. Ich habe versucht, das im Namen FOXOS zu bündeln. Ich kann aber auch offen und ehrlich sagen: Ich hadere mit dem Namen. Nicht, weil ich den Namen nicht gut finde, sondern weil der Name mittlerweile für eine Geschichte und Entwicklung innerhalb der Band steht, die nicht nur alleine auf mich als Künstler zurückzuführen ist.

 

img_9477
Ruhmsucht: Wenn man die FOXOS Facebookseite runterscrollt bekommt man schnell den Eindruck, dass du ein sehr enges Verhältnis zu deinen Fans hast. Wie kommt das?

Rick: Musikmachen tue ich ja sowieso und das ist auch das, was ich am liebsten mache. Zu Hause sein, Klavier spielen, dazu singen und einen Song schreiben. Aber durch die Fans kann das Ganze erst stattfinden. Ich bin einfach gerne ehrlich. Ich mag so einen Marketingsprech nicht: „Alles muss voll gut durchdacht sein. Wir können auf keinen Fall einfach posten, dass wir uns trennen, weil das voll schlimm ist.” Ich finde ich kann einfach ehrlich zu Leuten sein, die mich seit drei Jahren verfolgen.   

 

Ruhmsucht: Du standest schon oft vor ausverkauften Hallen – Was ist dein Hausfrauenmittel gegen Aufgeregtheit und Stress?

Rick: Ich mache bei Auftritten immer die Augen zu (lacht). Und ich habe Rituale, die ich vorher mache. Fängt mit dem Einsingen an, das holt dich schon etwas runter, dann ein paar Entspannungsübungen und power posing. Außerdem rettet mir Sport das Leben. Wenn ich gerade durchdrehe, gehe ich eine Runde laufen und dann geht’s wieder.

 

Ruhmsucht: Auch dieses Jahr ist FOXOS wieder beim Feuerwerk der Turnkunst dabei. Zwei Monate lang jeden Abend einen Auftritt, das ist ziemlich intensiv. Worauf freust du dich am meisten, wenn die Tour vorbei ist?

Rick: Vor allem auf das eigene Bett und dass ich nicht ständig Sachen packen muss. Auf die Ruhe und das Wieder-alleine-sein-können. Du bist einfach permanent von Leuten umgeben. Eine Zeit lang ist das cool, aber auf Dauer kannst du das nicht aushalten. Dafür sind Menschen nicht gemacht. Also wenn es vorbei ist erstmal in mein Bett, Tür zu, Serien gucken und Facebook checken. Dann werde ich zum richtigen Netflix-Opfer!

 

Ruhmsucht: Du schreibst deine Songs selber. Wann, bzw. wo hast du die kreativsten Einfälle?

Rick: Wenn ich weiß, dass ich die nächsten drei Tage nichts zu tun habe und gerade richtig traurig bin.

 

img_9457

Ruhmsucht: Du spielst viel mit Gegensätzen in deinen Songs und all deine Fotos und Videos sind schwarz-weiß. Sind Rick Jurthe und FOXOS zwei gegensätzliche, aber sich ergänzende Personen oder lässt sich das gar nicht voneinander trennen?

Rick: Es beschreibt mich als Charakter schon ganz gut. Ich bin sehr in mir selbst. Ganz oder gar nicht, jetzt oder nie, immer von A nach B. Das schwarz-weiß ist für mich auch ein Stilmittel. Das Wesentliche sticht dadurch heraus.

 

Ruhmsucht: Du siehst deine musikalische Heimat in Skandinavien und das märchenhafte Video zu Running Up wurde auch in Norwegen gedreht. Wo kommt diese Liebe zum Norden her? Hast du als Kind zu viel Wiki geschaut?

Rick: Klar, hab ich Wiki geschaut!

Ruhmsucht: Dachtest du auch, es sei ein Mädchen?

Rick: Auf jeden Fall, das dachten alle!

Ich bin riesiger Fan von ganz Skandinavien, ich mag die Weite, die Art, den Stil, die Musik. Es war von vornherein klar, dass wir das erste Video im Norden drehen. Wir wollten diese Landschaft und

Island war zu teuer.

Ruhmsucht: Wo wir jetzt schon beim Märchenhaften sind: Deine erste EP heißt Fables –welche Märchenfigur wärst du gerne für einen Tag?

Rick (denkt lange nach): Eigentlich sind die Frauen immer die Cooleren.

Ruhmsucht: Du kannst dir natürlich auch gerne eine Frau aussuchen.

Rick: Ich glaube,

ich wäre Rapunzel.

Ich würde sie nicht sein wollen, aber ich wäre sie. Die sitzt immer in ihrem einsamen Turm und ich fühle mich auch manchmal so. Wenn ich es mir allerdings aussuchen könnte, dann wäre ich Alice im Wunderland. Alles scheint mystisch und gefährlich aber man weiß, dass nichts passieren kann.  

 

Ruhmsucht: Wie du schon angemerkt hast, sind Märchen nicht nur rosarote Traumwelten, sondern haben immer auch eine düstere Seite. Im Musikbusiness ist das nicht anders. Wenn du etwas an der Musikindustrie ändern könntest, was wäre das?

Rick: Ich wünsche der Branche mehr Mut. Ich weiß, dass die alle auch nur ihr Geld verdienen müssen. Aber ich frage mich in Deutschland immer „was machen wir eigentlich hier?“

Es gibt so viel Dreckscheiß.

Die ganze Szene hat in den letzten 10-15 Jahren an Qualität eingebüßt. Im Vergleich dazu sind die englischen oder skandinavischen Produktionen unseren um Meilen voraus. Ich will nicht die ganze Branche in den Dreck ziehen, vor allem in Berlin gibt es Künstler*innen, bei denen ich mir denke „Ja, genau so!“ und genau davon wünsche ich mir mehr. Was ich auch schlimm finde ist, dass die Förderinitiativen- und Mittel, die vom Staat bereitgestellt werden, viel zu gering sind. Das meiste Geld fließt immer noch in die klassischen Opernhäuser und Theater. Ich will, dass Popmusik ernst genommen wird. Es ist auch ein Kulturgut, verkommt aber immer mehr zur Unterhaltung. Dafür, dass ich das jetzt alles gesagt habe, bekomme ich bestimmt richtig Ärger (lacht).

  

Ruhmsucht: Du scheinst ein rastloser Wanderer zu sein. Hannover – Hamburg – London. Wie kam es dazu, dass du das Land verlassen hast und wo geht die nächste Reise hin?

Rick: Ich habe das Land zweitrangig wegen des Studiums verlassen, es ging mehr darum, dass ich Probleme habe mit der Art und Weise, wie die Branche hier funktioniert. Ich weiß, dass ich voll aufpassen muss, was ich zu dem Thema sage. Gerade ist diese GEMA-Geschichte am laufen und ich habe dazu eine ganz klare Position. Da habe ich schon gemerkt, dass das ganz schön gefährlich ist. Andererseits kann ich nicht anders (lacht). Es gibt so viele Dinge, die für mich in diesem Business falsch laufen. Ich bin vor allem ein großer Kritiker der deutschen Radiolandschaft, die in den letzten Jahren zu einem reinen Unterhaltungsmedium verkommen ist. Da geht es nur noch darum um acht Uhr morgens den nächsten Hit zu spielen, damit die Leute aus dem Bett kommen. Ich kann verstehen, dass es auch sowas geben muss, aber:

Es fehlt mir an Vielfalt. Deutschland hat im Popmusikbereich so ein Problem,

weil sie ganz viel nachäffen. Die denken:„Es gibt einen Künstler aus England, der so und so funktioniert. Lass doch mal einen Künstler in Deutschland suchen, der das Gleiche auf Deutsch macht.” – Das gefällt mir ganz und gar nicht! Der Radiopromoter bei unserem letzten Label hat uns ein paar Einblicke in das Radiofeedback gegeben und das war super interessant! Die Begründungen, warum manche Sachen gespielt werden können, und andere nicht, lauten ungefähr so: „Das ist zu intelligent für uns“, „Das ist ein Downer” oder „Das verstehen die Hörer nicht.“  

Radio ist einfach das Medium, was die größte Reichweite erzielt und diese Reichweite ist wichtig, um stattfinden und davon leben zu können. Jetzt komme ich auch zum Schluss meiner Antwort: Ich kritisiere das Nicht-Stattfinden von alternativer Musik und jungen Künstler*innen. Ich kritisiere die Mache der Major-Labels, die auf Teufel komm raus Geld in die Künstler*innen pumpen, ohne eine langfristige Karriere im Hinterkopf zu haben. Ich kritisiere das System, weil der Gedanke, dass die Kleinen durch die Großen querfinanziert werden, nicht funktioniert, weil die Vergangenheit gezeigt hat, dass nur die Großen Künstler*innen und Labels überleben. Deswegen bin ich gegangen, um zu schauen wie es woanders ist und um Sachen mitzunehmen, die mich inspirieren und bereichern, die ich dann bei meiner Rückkehr nach Deutschland anwenden kann.

 

Ruhmsucht: Überlegst du, dir in London ein Label zu suchen?

Rick: Ich denke schon. Dadurch, dass ich jetzt in so einem Netzwerk bin, ist es schlau zweigleisig aufgestellt zu sein. Aber den ganzen Businesskram lasse ich stehen, bis das Album fertig ist. Erstmal nur die Kunst und dann der Rest.

 

Ruhmsucht: Und wenn er nicht gestorben ist, dann… Wag mal eine Prognose für 2026!  

Rick: Ich will mich auf jeden Fall niederlassen. Ich bin so viel rumgekommen und habe mich so viel treiben lassen, dass ich es ganz schön fände eine Familie zu haben. Ich möchte aber immer noch das machen, was ich gerne mache, nämlich Musik.

Ich möchte von meiner Musik leben können und mit meiner Familie glücklich sein.

Ruhmsucht: Jetzt brauchen wir nur noch eine Illustration für die FOXOS Fabel. Dürfen wir um ein Selbstportrait bitten?

 



Fotos: Johannes Erb

Kommentar verfassen