Von Pferden in Bärenkostümen und Bananen – The Neigh-Kid Horse

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Abends an der Warschauer begegnen dir häufig kuriose Leute.  Manche schenken dir ihre angefangene Currywurst, schnurren dich um Kippen an oder fragen „ob du mal was ganz Tolles mit Hilfe dieser wunderbaren Pflanze erleben willst“. Auch an diesem Abend ist mir jemand aufgefallen: Ein Typ mit einem Pferdekopf. Er spielte  auf einer riesigen Gitarre einen Song von Michael Jackson und trug ein gelbes Bärenkostüm.

Es handelt sich um einen verrückten Australier, der sich „the Neigh-Kid Horse“ nennt. Er ist für sechs Monate nach Berlin gekommen. Mit nichts als einer Gitarre und der Idee einen Film („Busking for Berlin“) über sich und andere Berliner Straßenkünstler_innen zu drehen.

Wir trafen uns mit ihm an der East-Side-Gallery. Dort wartete er bereits hinter einer Ecke auf dem Rasen. Im Bärenkostüm. Nicht ganz so nackt wie es sein Name versprochen hatte.

 

Ruhmsucht: Ist dir nicht kalt?

Neigh: Es ist unfassbar kalt! Ich hab noch bis vor zwei Wochen ohne Klamotten gespielt. Aber irgendwann ging es echt nicht mehr. Und dann war da dieses Bärenkostüm…

Ruhmsucht: Wie läuft‘s mit Busking for Berlin?

Neigh: Also ich bin eigentlich ein Filmemacher aus Australien und ich wollte jetzt in Berlin auch sowas machen. Nur anders. Ich habe bis jetzt immer mit Musikern und kreativen Leuten gedreht. Da dachte ich, warum nicht was machen, was die Leidenschaft dieser  Menschen in einem Video vereint.  Mein Plan war nach Berlin zu kommen um die Musikszene zu filmen. Ohne Geld. Nur mit meiner Gitarre. Und jetzt bin ich hier seit Juni und das ist meine letzte Woche.

Ruhmsucht: Wann kommt denn der Film raus?

Neigh: Ich hoffe nächsten Sommer!

Ruhmsucht: Erst nächstsen Sommer?!

Neigh: Ich hoffe, dass es schon vorher geht! Ich will beim Filmfestival mitmachen. Und das ist im Juli. So spätestens bis dahin sollte der Film fertig sein. Aber ich hoffe echt auf März! Das Filmmaterial sollte aus dem Kram bestehen, den ich hier auf der Straße mache. Und dazu kommt noch dass ich viele Straßenkünstler aufnehme und die auch Teil des Films werden. Das Problem ist, dass ich meine Kamera hier verloren hab. Das war ja alles, was ich für den Film brauchte. Alles ging also schief. Am ersten Tag verlor ich meine Kamera. Ne Canon 5D auch noch!

“Oh shit oh shit oh shit!“ – Daniel, mein Fotograf, leidet offenbar ziemlich unter dem letzten Satz…

Ja deshalb musst‘ ich den Film über drei Monate lang mit meinem iPhone aufnehmen. Also habe ich meinen Laptop verkauft um Geld für eine neue Kamera zu bekommen damit ich den Film zu Ende drehen kann. Deswegen hat sich das alles etwas hinausgezögert. Dieses Projekt hat mich in meine Einzelteile zerlegt. Ich habe meinen Laptop, mein iphone und mein Fahrrad verkauft und dazu noch meine Kamera verloren. Der einzige Grund, warum ich die letzten sechs Monate überlebt habe, ist die Musik, die ich mache.

Interview Neigh-Kid Horse-7

Ruhmsucht: Wo lebst du denn hier im Moment?

Neigh: Momentan wohne ich in Wedding. Am Anfang war ich pleite und hab versucht genug Geld zu verdienen um mir ein Hostel leisten zu können. Dann hab ich weitergemacht bis ich mir eine Wohnung leisten konnte. Das ist auch eine wichtige Aussage des Films. Ich habe geschafft Fuß zu fassen als Straßenkünstler. Obwohl ich mit nichts angefangen habe. Was man aus der Sache lernen kann ist … das du es einfach tun solltest.

Ruhmsucht: Was war der Grundgedanke? Wie ist Neigh-Kid-Horse entstanden?

Neigh: Also die ersten drei Tage war es noch kein Neigh-Kid-Horse. Am Anfang war es nur ich. Und ich habe ein bisschen rumprobiert. Ich bin kein großartiger Sänger und somit war die Aufmerksamkeit nur mittelmäßig. Dann hatte ich die Maske. Das gibt mehr Entertainment als ich alleine schaffen kann. An einem Tag war es richtig heiß. Also habe ich mein T-Shirt ausgezogen und das brachte Aufmerksamkeit. Dann fiel die Hose. Das brachte noch mehr Aufmerksamkeit. Und hier bin ich!

Ruhmsucht: Wen magst du am liebsten in der Straßenkunstszene?

Neigh: Die beiden Schlagzeuger im Mauerpark! Das sind meine Lieblinge weil die einfach eine geile Atmosphäre schaffen. Oh und Ruperts Kitchen!

Ruhmsucht: An welchem Ort spielst du am liebsten?

Neigh: Ich denke Mauerpark! Aber hier an der East-Side-Gallery ist es auch sehr nett. Ich spiele immer extra hier hinter der Ecke. Damit die Leute mich erstmal nicht sehen können. Dann kommen sie um die Ecke weil sie die Musik hören und…

Er steht auf und verschwindet hinter der Mauer. Dann streckt er seinen Kopf um die Ecke und mimt „WHAT THE FUCK“ mit dem Mund.

Sie wundern sich woher die Musik kommt und dann sehen sie da einen Typ, mit Pferdekopf, Gitarre spielen. Ein netter Überraschungseffekt.

Interview Neigh-Kid Horse-9

Ruhmsucht: Welches Bier mag ein E-Gitarre-spielendes Pferd am meisten?

Neigh: Sternburger Export!

Ruhmsucht: Wo verbringst du den Winter?

Neigh: Ich fahre jetzt für einen Monat nach England und dann zwei Monate auf die Kanarischen Inseln.

Ruhmsucht: Wow!

Neigh: Danach komme ich wieder nach Berlin!

Ruhmsucht: Also gibt’s ein Comeback für das Neigh-Kid-Horse in Berlin?

Neigh: Ne ich komme dann zurück um hier zu leben. Also … ich werde schon nochmal als Neigh-Kid-Horse auftreten. Aber halt nicht nur. Ich will auch als ich selbst spielen. Das Pferd ist witzig aber ich will auch noch was Ernsthafteres machen.

 

Ein tanzender Mann mit Wollmütze unterbricht uns mit:  „Hi ich bin Ralf. Und weißt du? Normalerweise ist er nackt!“  Er schnorrt sich eine Zigarette und tanzt wieder davon…

 

Ruhmsucht: Kanntet ihr euch?

Neigh: Ja. Das ist auch ein interessantes Ding. Ich spiele immer hier an der East-Side-Gallery. Irgendwann lernst du, wenn du immer hier spielst, die ganzen Leute kennen, die sich hier rumtreiben. Die Verrückten, die Obdachlosen, alle.

Ruhmsucht: Und welcher ist der verrückteste Fan?

Neigh (lacht): Er heißt Julian. Er denkt dass er Gottes Sohn ist. Er schläft in den Büschen da drüben. Seit drei Monaten. Zumindest behauptet er das. Neulich meinte er zu mir: „Hey! Du musst mir eine Million Euro geben! Dann kann ich dich glücklich machen!“  Er ist immer glücklich. Ihm macht es Spaß Leute zu erschrecken. Viele Leute denken auch, dass ich verrückt bin. Aber naja!

Ruhmsucht: In welchem Club gibt’s eigentlich die heißesten Stuten?

Neigh: Oh, im White Trash!

 

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Eine Gruppe Touristen kommt um die Ecke, unser Pferdefreund steht auf, schnappt sich seine Gitarre und fängt wieder an zu spielen. Immer mehr Menschen kommen. Viele schauen verwirrt um die Ecke. Kurz genießen wir noch die Show. Dann kommt Ralf wieder angetanzt, diesmal mit zwei Bananen. Er legt eine Banane behutsam in die Klingelbox vom Neigh-Kid Horse. Die andere teilt er mit mir. Daniel will kein Stück Ralfbanane.

Die Sonne ist am untergehen. Wir gehen und drehen uns noch einige Male um, um die wachsende Menschentraube um Neigh-Kid Horse zu beobachten. Mit nichts als einer Gitarre, einem Pferdekopf und einem Koffer voll Mut hat er es geschafft sich einen Platz in der Straßenkunstzene zu sichern. Wir wünschen ihm weiterhin viel Erfolg und stets kühles Sternburger Export.

Cheers! 

Hier geht’s zum Video

Fotos: Daniel Gröne

 

 

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