„Die Quintessenz ist immer so: Liebe, Sex, Drogen.” – Seifentheater

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Mit selbstgeschmuggeltem Crémant - mein Babybauch ist Champagner! - betrete ich den Katertheater-Himmel. Das Zu-früh-kommen hat sich gelohnt: ich bekomme ausnahmsweise mal ein Plätzchen in der zweiten Reihe und es ist noch genügend Zeit für ein bisschen Vodka-Mate und ein Pläuschen unter Freunden. Als alle Plätze, inklusive Barhocker, besetzt sind, geht das Theater los. Heute: „Des Kaisers neue Kleider” vom alteingesessenen und heißbegehrten Seifentheater. Wie immer wird viel gelacht, gesungen und rumgemacht - auf Bühne und im Publikum. Nach etwa einer Stunde Glitzerflimmer ist die Show vorbei. Der Kaiser hat endlich erkannt, dass er die ganze Zeit nackt vor seinem Volk rumgesprungen ist. Das hätte die ruhmsüchtigen, geldgierigen Modedesignerinnen womöglich kopflos gemacht, wären sie nicht schon längst in die nächste Modemetropole geflüchtet. Ich hingegen bin an Ort und Stelle geblieben, habe meinen Crémant zur Welt gebracht und bin die Treppen zum Backstage hinaufgestiegen, wo ich mich mit Andi und Stephi, zwei eingefleischten Seifentheater-Schauspieler_innen, getroffen habe. 

 

Ruhmsucht: Klärt mich mal auf, was ist das Seifentheater? Wie lang gibt’s euch schon?

Stephi: Uns gibt’s schon seit 10 Jahren. Das hat im Grandhotel angefangen. Das war ne kleine Bar in der Schliemannstraße im Prenzlauer Berg –  Andi’s Bar. Und dort haben die Jungs quasi so ne wöchentliche Soap aufgeführt.

 

Ruhmsucht: Ihr habt zwischenzeitlich auch mal im Theater gespielt, oder? Wie hat sich das vom Club unterschieden und warum seid ihr zum Club zurückgekehrt?

Andi: Weil wir das nicht in dieser intellektuellen Überbaugeschichte als Theaterperformance begreifen, sondern wirklich im Zusammenhang von gemeinsam Spaß haben – sich freispielen. Bei uns leider auch immer in Kombination mit Konsum, seien es Zigaretten, oder ganz viel Licht.

Stephi: Liebe!

Das Theaterspielen ist mein Ventil. Hier kann ich alles rauslassen, was ich sonst in andern Partygefilden hab verpuffen lassen.

Deshalb passt das Seifentheater total gut in den Kater, weil es genau derselbe Rahmen ist: Das ist ne Spielwiese. Hier kann man sich richtig austoben.

Andi: Wir machen schon immer ne andere Form von Theater. Da kannste mit der Omma reingehen und trotzdem ist es nicht platt. Da steckt schon eine Vision dahinter. Es geht uns auch darum was rüberzubringen.

 

Ruhmsucht: Wie kommt ihr auf die Stücke?

Stephi: Das ist auf jeden Fall Andi sein Ding. Er ist so ein bisschen die Mutter der ganzen Geschichte. Hauptsächlich sind es Märchen, weil Märchen immer so einen schönen, relativ einfachen –  aber doch mit Sinn – Stoff hergeben. Wir schreiben die dann in gemeinsamen Sitzungen für unsere Zwecke um. Die Quintessenz ist immer so: Liebe, Sex, Drogen.

Andi: 2015 machen wir auf jeden Fall ein Klassiker-Jahr! Das wird dann auch ein bisschen intensiver in der Probenarbeit und auch nicht ganz so trashig. Es bleibt natürlich trotzdem trashig. Für mehr hin zum klassischen Theater haben wir schließlich keine Zeit und kein Geld.

Stephi: Und keine Lust.

 

Ruhmsucht: Keine Zeit, kein Geld und keine Lust. Das klingt nach Berlin… (lacht). Wie oft führt ihr das Stück dann immer auf?

Stephi: Wir spielen in der Regel alle sechs Wochen ein neues Stück, welches wir an zwei Wochenenden jeweils zweimal aufführen, immer an einem Freitag und dem darauffolgenden Samstag.  

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Ruhmsucht: Seid ihr alle ausgebildete Schauspieler_innen?

Andi: Total Gebildete.

Stephi: Ausgebildet sind wir alle gar nicht, außer Andi –  unserer Mutter –  unserer Nonne – unserem Gott. Wir haben also alle noch andere Jobs und Schauspielern nur als Hobby – aus Spaß an der Freude.

Andi: Ich gebe übrigens seit diesem Jahr auch einen Theaterworkshop im Kater Blau für alle, die Lust auf Mitmachen haben und ihre schlummernde Rampensau wecken wollen.

 

Ruhmsucht: Erzählt mal von den lustigsten Pannen! Ist schon mal ein Vorhang in Flammen aufgegangen?

Andi: Zum Glück verwenden wir ja nur ganz pyrotechnisch schwer entflammbare Stoffe!

Stephi: Stimmt ja gar nicht! (lacht)

Hm… hatten wir schon mal ne richtig krasse Panne?

Andi: Ne, nur doofe Pannen.

Stephi: Ja, wenn die Vorhänge plötzlich wieder nicht funktionieren, wenn man sie bedienen will, zum Beispiel.

Andi: Das passiert oft! Wer billig kauft, kauft zweimal!

Stephi:

Es fallen auch öfter Perücken vom Kopf. Die Jungs tragen ja gerne mal 20 Zentimeter High Heels.

Da gab es schon öfter mal einen Unfall, wo jemand umgekippt ist. Das wird aber immer ganz geschickt und charmant ins Stück eingebaut.

 

Ruhmsucht: Im Krankenhaus ist aber noch keiner gelandet, oder?

Andi: Das macht euch jetzt wieder geil, ne? Ha! Im Krankenhaus! Im Krankenhaus… jetzt muss ich mal überlegen… Doch! Gorgie war schon im Krankenhaus!

Stephi: Aber nicht wegen uns!

Andi: Nee, aber das ist ja egal.

Stephi: (lacht) Im Krankenhaus war ich och schon!

Andi: Ich nicht. Toi Toi Toi (klopft auf den Tisch).

Stephi: Genau, klopf mal lieber richtig druff ey.

 

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Ruhmsucht: Wie viel vorher fangt ihr immer an zu proben?

Stephi: Willst du das wirklich wissen? Eigentlich proben wir intensiv zwei Wochen bevor wir auftreten.

Andi: Wir hatten selten so eine kurze Vorbereitung wie heute. Das ist eben auch Club, dass nicht immer alles wie geplant läuft. Gestern war Swing, obwohl wir eigentlich Generalprobe gehabt hätten. Ging also nicht, dann haben wir’s halt schon am Dienstag gemacht –  ohne Kostüm und ohne Bühnenbild.

(Stephi schaltet die Lichterkette auf ihrem Kopf an und aus und trinkt ein Schlückchen Crémant)

 

Ruhmsucht: Und was sagt Mutti dazu?

Andi: Na das frag ich mich ja wie du das in ne flotte Seite packst!

Stephi: (Lacht) Ja, dass frag ich mich auch. Na, jetzt ham wir’s nämlich, weil seine Mutti war die ältere Dame, die sich grade hier von uns verabschiedet hat! Seine Mutti ist quasi unser Maskottchen. Ohne Rose läuft nix! Die ist wirklich bei jeder Aufführung dabei und bringt uns Häppchen und kleine Freuden.

 

Ruhmsucht: Stand sie auch schon mal auf der Bühne?

Andi: Ja! Als wir den Venedig Maskenball gemacht haben!

Stephi: Da war ich noch nicht dabei. Was hat Rose gespielt?

Stimme aus dem Off: Ne Krankenschwester.

Stephi: Das hätte ich ja zu gern gesehen: Rose als Krankenschwester! Wie geil!

 

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Ruhmsucht: Was trinkt ihr immer nach den Proben? Gibt’s ein Getränk das immer geht?

Stephi: Danach?

Wir trinken die ganze Zeit. Auch vorher schon und auch die ganze Zeit währenddessen. Wir trinken sehr viel Sekt. Also wirklich sehr viel Sekt.

Siehste ja (zeigt auf den Tisch voller Champusflaschen). Und Pfeffi und Jägermeister und so ne Geschichten.

 

Ruhmsucht: Und bleiben nach dem Stück immer alle zum Feiern?

Stephi: Ja, meistens schon. Dadurch hat man natürlich auch einen ganz anderen Gruppenzusammenhalt, als im klassischen Theater. Ist schon heikel direkt am Folgetag der Premiere nochmal das Stück zu spielen. Grade, weil die Jungs dann im Anschluss doch gerne nochmal weiterziehen. Das gehört einfach dazu. Aber trotzdem, es klappt immer super.

 

Ruhmsucht: Man könnte also sagen, dass es auf Club-Theaterbühnen mehr Blackouts gibt?

Stephi:

Wenn man so viel Spaß hat vergisst man schneller mal den auswendig gelernten Text.

 

Ruhmsucht: Seid ihr auch schon mal außerhalb von Berlin aufgetreten?

Stephi: Ja, im Juli haben wir zum Beispiel auf dem Garbicz Festival gespielt. Es ist aber immer schwierig in unserer Melange so was zu planen. Du brauchst ein verdammt großes Auto und musst alles hinkarren. Und du brauchst Leute, die auch gerne campen und draußen sind. Ist halt mit schwulen Männern nicht immer so einfach, die stehen da nicht so drauf. “Ich brauch mein Klo, ich brauch meine Dusche, ich brauch meinen Spiegel.” Aber in Zukunft hätte ich auf jeden Fall auch mal Lust auf die Attention zu fahren. Da bekomm ich sie auch noch zu!

 

Ruhmsucht: Ich bin gespannt! Danke ihr Lieben.

Stephi: Danke dir.

 

 

Illustration: Maral Müdok

 


 

Hier geht’s zum Artikel über die Club-Theaterszene in Berlin

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