Bewegt euch! Macht Kraftsport! Fresst! – Der Female Fightclub

Marzahn, 14:00, Haus 5c:

Wir befinden uns auf einem Gewerbegelände. Auf dem Areal hängen Poster und Ankündigungen von Cage Fights. Hinter einem schmutzigen Fenster ist schemenhaft ein Mann mit Zigarette zu sehen. Er beobachtet uns und scheint genauso wenig wie wir zu wissen, ob wir hier richtig sind. Wir stehen vor einer weißen, schweren, verschlossenen Tür. Hier warten wir auf Anna Konda*. Die Frau, welche, wie ihr Name vermuten lässt, nichts wieder los lässt, was einmal in ihren Fängen ist. Anna Konda ist Wrestlerin. Seit fünf Jahren betreibt sie den Female Fightclub Berlin. Wer Lust, Zeit und Muskelmasse hat, kann hier Sessions mit den Wrestlerinnen machen und sich mit ihnen messen. Ebenso können sich Zuschauer_innen an den Sessions beteiligen. Heute ist ein “Naked Catfight” angekündigt.

Ein Wagen fährt vor. Es steigen aus: Red Devil – Meisterin in Kung Fu und ein wendiges Fliegengewicht beim Wrestlen. Holger – Ehemann von Anna Konda sowie Mrs. Beinpresse herself: Anna Konda. Sie ist Deutschlands körperlich stärkste Wrestlerin. Sie stemmt 4 x 150 kg Bankdrücken, 4 x 210 kg Kreuzheben, 280 kg Kniebeuge und 10 x 620 kg Beinpresse. In Lederjacke und beachtlich hohen, schweren High Heels nimmt sie uns in Empfang und öffnet die Tore des Female Fightclubs.

Wir werden zu einem kleinen Raum mit einer großen Matte, ein paar Sitzgelegenheiten, einer Palme und einigen Postern geführt. Hier findet gleich der Kampf statt. Schuhe müssen ausgezogen werden.

Auf der Bank sitzt Rocket – Annas heutige Gegnerin. Sie betreibt auf internationalem Wettkampfniveau Judo, Sambo, Kung Fu, Taekwondo und Kickboxing.

“A 70 KG FIGHTING MACHINE! YOUR NIGHTMARE ON THE MAT“

kündigt die Homepage des Clubs an. Neben Red Devil sitzt ein vielleicht zukünftiges Clubmitglied: die 1.90 m große „Tall Amazon Anja“. Sie will sich den Kampf anschauen und hinterher selbst ihr Glück versuchen. Außerdem anwesend sind die italienische Fotografin Martina, die den Kampf dokumentieren will und ein Mann, der für heute der einzige Zuschauer bleiben wird. Er trägt Hemd, polierte Schuhe und ein sanftes Grinsen im Gesicht.

Den Fightclub gründete Anna vor fünf Jahren. Alles fing an, als sie ein paar Videos vom Training bei YouTube hochgeladen hat.

„Ziemlich schnell kamen die ersten Anfragen, ob ich auch Kämpfe mache. Ich dachte ‚warum nicht‘? Hab mir ein paar Matten geschnappt und ein Dominastudio angemietet. Du brauchst was mit Platz, wo keiner nachfragt.“

Zwischen Peitschen, Rohrstock und Andreaskreuz gestaltete sich das Kämpfen jedoch schwieriger als gedacht:

„Es geht mit Absicht in die erotische Richtung. Insofern, dass es um Stolz geht. Um weiblichen Stolz. Wir kämpfen, weil wir stolz auf unsere Leistungen und unsere Körper sind. Das Domina-Equipment hat die Kämpfe in einem anderen Licht erscheinen lassen.“

Anna grenzt sich mit ihrem Club vom Domina-Bereich ab:

„Man muss Dominanz mit körperlicher Überlegenheit kombinieren. Dominas stellen sich dahin mit ihren 50 Kilo und versuchen, was zu erreichen. Wenn der Kunde nicht nach Plan handelt, können die gar nichts machen. Ist alles nur Show. Abarbeiten eines Wunschkatalogs. Das ist keine Dominanz, sondern Schauspiel. Ich bin kein Männerfeind und ich versuche auch nicht die Welt auf den Kopf zu stellen. Männer sind nicht generell das stärkere Geschlecht. Auch nicht körperlich. Das ist aus meiner Sicht nicht geschlechterspezifisch, sondern individuelle Veranlagung. Die Klischees drehe ich um und dominiere Männer körperlich hart in meinen Videos. Ich spreche damit viele Fetische an, aber ich mache es aus dem beschriebenen Grund und nicht aus Fetischmotiven.

Anna mietete sich schließlich in einen Raum des Gewerbekomplexes ein. Es gibt keine festen Zeiten für den Fightclub und auch keine festen Mitglieder. Er ist ein offenes Angebot für alle, die Lust haben.

„Wir sind 4-5 Mädels, die sich hin und wieder treffen. Der Fightclub als Ort wo sich starke Frauen treffen, mit denen ich so trainieren kann, dass sowohl die Mädels als auch ich immer stärker und besser werden. Echte Kampfmaschinen. Echte Killer. Das hier ist kein „Kampfsport“ das ist Kampf – ohne „Sport“! Nackte Gewalt! Manchmal sogar wirklich nackt. Ich jedenfalls. Das kann hier jede machen, wie sie will.“

Anna trägt für den Kampf eine Corsage. Ihr Bikinioberteil besteht aus Pailletten. Ihr Stringtanga auch. Rocket trägt Bikini und Kniestrümpfe. Uns wird gesagt, dass wir „flexibel“ bleiben sollen, da es passieren kann, dass wir den Wrestlerinnen ausweichen müssen, wenn sie in unsere Richtung fliegen. Ich suche mir einen Stuhl in der hinteren Ecke des Raumes. Zwischen einer Palme und einer Palette voll Jägermeister.

Der Kampf besteht aus 5 Runden. Eine Runde ist beendet, wenn die Gegnerin aufgibt.
„Wir geben erst auf, wenn wir merken, dass die Andere uns sonst gleich Knochen bricht oder wenn wir merken, dass der Knockout kurz bevor steht.“

Um eine gute Wrestlerin zu werden musst du Muskeln aufbauen. Die sind das Wichtigste.

„Technik ist gut. Allerdings solltest du diese beherrschen. Je schlechter die Technik, desto wichtiger das Gewicht. Damit kannst du deine Gegner auf dem Boden festnageln.“

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Ab und an gibt es Veranstaltungen, für die sich Wrestlerinnen aus der ganzen Welt zum Kampf gegen Anna Konda anmelden und ihr Glück versuchen. Die 1.60 große Frau mit ihren 115 Kilo und den Maßen: 130-105-130 legt dabei so gut wie jede Gegnerin aufs Kreuz.

Ihre liebsten Gegner sind allerdings Männer:

„Es macht einfach Spaß, wenn ich merke, wie beeindruckt die sind. Ich kann sie in den Arm nehmen und die Luft abdrücken. Das ist einfach schön. Jede Woche kämpfe ich gegen Männer, die mich hier herausfordern. Ich verliere nie gegen sie. Mein ganzer Tagesablauf dreht sich daher darum, so stark zu sein, dieses Level halten zu können und dann die Treffen entsprechend dominant zu gestalten. Der Mission wegen.“

Anna dominiert auch ihren Holger in der Beziehung körperlich.

„Wenn man die Kraft hat, macht es auch Spaß, diese einzusetzen. Das bedeutet nicht, dass ich ihn blutig haue. Aber ich kann ihn schon zum Schweigen bringen. Ich finde zum Beispiel, dass Dominanz einer Beziehung gut tut. Dieses Modell von Mann und Frau immer auf Augenhöhe ist ein Konstrukt, das selten funktioniert. Einer muss ab und zu der Chef sein. Man kann ein Problem nicht immer ausdiskutieren. Körperliche Überlegenheit ist dabei nicht zwingend, aber hilfreich. Es gehört zu meiner Beziehung dazu, dass ich mich mit Gewalt gegen meinen Mann durchsetze, einfach weil ich ihm weit überlegen bin. Ich habe die Muckis und daher auch das letzte Wort. So läuft die Sache!“

Die Grenze ist für Anna und die Wrestlerinnen das gegenseitige Einverständnis zur physischen Gewalt. Sie wollen beim sportlichen Verhältnis keine mutwilligen Verletzungen verursachen. Die Grenze ist das gegenseitige Wohlbefinden. Wem es zu viel wird, klopft ab. Mit dem Fightclub sollen die Frauen sehen, zu was sie fähig sind:

„Sie sollen ihre Kraft und die eigenen Möglichkeiten entdecken. Sich mit dem Sport und den Bewegungen weiterentwickeln. Schauen wo es Grenzen gibt. Oder ob überhaupt welche existieren. Muskeln sind richtig Arbeit.“

In vielen Köpfen ist nach wie vor verankert, dass Männer Muskeln zu tragen haben. Nicht die Frauen. Es gibt eine Grenze im gängigen Schönheitsideal, bei welcher trainierte Frauen als nicht mehr fraulich und ebenso wenig attraktiv angesehen werden. Anna sieht das anders:

„Gerade Muskeln sind weiblich.Wenn das Ziel ist, bloß dünn zu sein, dann sehen Frauen furchtbar aus. Mit 10 Kilo mehr sehen Frauen meist viel gesünder und wohler aus. Bewegt euch! Macht Kraftsport! Fresst!“

Der Kampf ist im vollen Gange. Menschen fliegen durch den Raum, Schweiß fließt, es wird gekeucht und gebrüllt. Recht schnell wird klar: Anna Konda ist eine Kampfmaschine durch und durch. Sie gewinnt Runde für Runde.

Nachdem Anna einen Siegpunkt mehr auf ihrer Liste zu vermerken hat, gibt es eine Übungsstunde für Tall Amazon Anja. Diese wird von Red Devil durchgeführt.

„Mach einfach“ lautet meist die Anweisung, mit der Amazonen-Anja versuchen soll, Red Devil handlungsunfähig zu machen. Diese gibt bei jeder Bewegung Tipps, welche Griffe in welcher Situation nützlich sind. Nach 10 Minuten ist Anja fertig. Sie will nächstes Mal wiederkommen.

Wie es für Anna und ihren Fightclub weitergeht?

„Hauptsache höher, schneller, besser, breiter, schwerer!“ (lacht)

*aus Schutz der Privatsphäre nennen wir die Wrestlerinnen ausschließlich bei ihren Kampfnamen.

 

Fotos: Lev Matroskin

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