“Die Leute essen es trotzdem und sonst gibt’s ja auch noch Döner gleich um die Ecke.” – Wenn das Essen bei Küche für Alle im Japanischen Haus mal nicht gelingt.

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“Wo kü?” -  Ich seh’ hier keine Kühe. Dass meine Freundin wissen wollte, ob ich mit in die VoKü, oder auch “Volks”küche möchte und nicht irgendwelche Kühe meint, wusste ich bis dato nicht. Kaum in Leipzig gestrandet, stolperte ich über diese wunderbare Sache, von der ich im Süden Deutschlands leider noch nie gehört hatte. 

Inzwischen war ich in so einigen “Volks”küchen, die aber inzwischen aus politischen Gründen anders genannt werden. Um sich vom Nationalismus und dem Begriff Volk, der aktuell als soziale Konstruktion mit negativen und ausgrenzenden Folgen angesehen wird, zu distanzieren, ist es jetzt die Küche für Alle, kurz KüfA oder Volxsküche.

Damals fragte mich eine Freundin aus München, als ich ihr das erste Mal von meinen regelmäßigen Besuchen solcher Küchen erzählte, ob ich jetzt zusammen mit Obdachlosen zur Suppenküche oder Tafel gehe. Daraufhin erklärte ich ihr, dass es vom Prinzip her ähnlich ist, nämlich für wenig Geld Essen zu bekommen, aber das Ganze doch etwas tiefer geht. 

Die Idee stammt bereits aus den 1980er Jahren, in denen die Hausbesetzer-Szene die “Volks”küche für eigene Zwecke ein wenig abwandelte: linksautonome Kreise wollten ein- bis mehrmals wöchentlich gemeinsam kochen, um finanziell Benachteiligten eine warme Mahlzeit am Tag zu bieten und fanden sich meistens in kollektiven bzw. selbstverwalteten Einrichtungen mit politisch linkem Selbstverständnis. zusammen 

Inzwischen ist die Volxsküche aber längst über die Kreise der Szene hinausgegangen und erfreut sich überwiegend an studentischem Publikum, die, wie wir alle wissen meist ja auch finanziell benachteiligt sind. 

Im Leipziger Osten findet jeden Samstag das Essen für Alle im Japanischen Haus auf der Eisenbahnstraße statt.

Wie das Ganze dort abläuft hat uns Yu bei einem netten Plausch erzählt.

 

Ruhmsucht: Wie seid ihr zu dem Projekt gekommen?

Yu: Die erste „Volks“küche gab es 2013, direkt nach dem wir hier in die Eisenbahnstraße gezogen sind. Wir lernten Kevin, einen Nachbarn kennen, der hier in einem Hausprojekt gewohnt hat. Er hat uns mit der Idee der Volxsküche vertraut gemacht. Für uns war das etwas ganz Neues, aber klang sehr schön. Zuerst haben wir zusamen mit ihm das Ganze ausprobiert. Im Frühling 2014 haben wir dann offiziell mit zwei japanischen Freunden damit begonnen.

Das Prinzip von Essen gegen Spende und gemeinsam Kochen finden wir gut.

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Ruhmsucht: Warum ist es euch wichtig, dass es das Essen für Alle gibt?

Yu: Zunächst steht die persönliche Motivation im Vordergrund. Es liegt uns am Herzen, dass wir die Möglichkeit haben einmal pro Woche zusammen zu kommen, um gemeinsam zu kochen und zu essen. Unserem Freundeskreis ist das sehr wichtig und dann haben wir bemerkt, dass es für Alle wichtig ist. Für jeden, der ein Netzwerk hier in Leipzig sucht. Seien es lokale oder ausländische Leute, Studenten, oder generell hilfsbedürftige Menschen. Mitkochen kann hier jeder, das fördert das Kennenlernen und zusammen sein. Viele Menschen brauchen auch einen kleinen Anstoß, um mit Anderen ins Gespräch zu kommen und durch das Kochen kommt das meist ganz von selbst.

 

Ruhmsucht: Wie läuft so ein Samstag bei euch ab?

Yu: Unser Chefkoch ist Hiro. Er geht normalerweise zusammen mit Freunden einkaufen und kocht. Wir kaufen ganz oft am Samstag auf dem Verbrauchermarkt am Sportforum ein, weil das zeitlich gut für uns passt.  Eine gute Freundin vom Kinderrestaurant gegenüber hat auch Kontakte zu Einrichtungen, von denen wir übrig gebliebene Lebensmittel bekommen. Damit wollen wir ein Zeichen gegen die Verschwendung setzen. Zudem betreibt ein Freund von uns einen Bio Bauernhof in Taucha. Von ihm bekommen wir ab und zu Gemüse, dass zweiter Wahl ist. Ich kümmere mich um die Organisation, Werbung, und Raumgestaltung. Aber eigentlich ist das alles immer Teamarbeit. Seit einigen Monaten helfen uns auch immer wieder junge Flüchtlinge. Ab 16 Uhr wird gekocht und ab 19 Uhr wird das Essen ausgeteilt. Aufgeräumt wird dann meistens Sonntags über den Tag verteilt, da es Samstag meist spät wird, wir viel trinken und feiern gehen wollen.

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Ruhmsucht: Gibt es immer das Gleiche, oder variiert die Geschmacksrichtung des Essens?

Yu: Japanisches Haus: Das ist immer ganz spontan, wir hatten schon Indisches Essen, Koreanisches, Afrikanisches, Syrisches oder Spanisches. Meistens fragen wir im Freundeskreis herum, was es geben soll. Am Anfang gab es fast nur Japanisches Essen, aber unser Freundeskreis hat sich mit der Zeit in viele verschiedene Richtungen entwickelt, so dass immer wieder neue Ideen und Einflüsse aus anderen Ländern dazu kamen. Ich glaube koreanisches Essen war etwas ganz Besonderes. Wir haben extra alle Gewürze beim Asiatischen Markt gekauft und für die Leute war es sehr speziell, eher ein bisschen orientalisch.

 

Ruhmsucht: Nur von Luft und netten Menschen kann man meist trotzdem nicht leben. Oder wie in eurem Fall kochen. Wie finanziert ihr das alles?

Yu: Mit den Spenden, die wir bekommen. Und das reicht auch aus, um damit zu Kochen.  Unsere Empfehlung für ein Essen liegt bei 2,50€. Wenn aber jemand mal kein Geld hat, wie zum Beispiel Flüchtlinge oder Leute, die auf der Straße leben, dann ist das auch okay. Uns ist es wichtig, dass alles im Austausch funktioniert. Die jungen Flüchtlinge, die uns davor helfen, dürfen auch umsonst Essen. Doch wir geben ungern Essen umsonst aus, in welcher Form ein Austausch stattfindet ist egal, Hauptsache es gibt ihn.

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Ruhmsucht: Sind die Leute, die hier herkommen, genauso Multikulturell, wie das Essen?

Yu: Ja, ich glaube schon. Wir haben hier eine Liste hängen, in die man sich eintragen kann, woher man kommt und wo man wohnt. Bis jetzt sind wir auf rund 40 Länder gekommen, das sind wirklich viele verschiedene Nationalitäten. Am Anfang waren es eher Leute aus der alternativen Szene und Studenten, die gekommen sind. Jetzt kommen zwar immer noch Studenten, aber auch lokale Familien und manchmal ältere Leute. Ab und zu kommt auch eine Gruppe von Obdachlosen, die uns helfen und von denen wir am Anfang aber garnicht wussten, dass sie auf der Straße leben. Wir wollen, dass die ganze Aktion ungezwungen bleibt und nicht zu einem aufdrängendem Angebot wird.

 

Ruhmsucht: Woher nehmt ihr denn die Rezepte, nach denen ihr kocht?

Yu: Von überall. Durch Freunde, das Internet, aus Büchern oder auch einfach mal durch herum experimentieren.

 

Ruhmsucht: Was ist, wenn’s mal nichts wird, oder nicht schmeckt?

Yu: Das passiert natürlich auch. Es ist extrem schwierig in diesen großen Mengen zu kochen, dadurch wird das Essen jedes Mal ein bisschen anders. Manchmal kochen wir ganz gut, aber manchmal auch schlecht. Natürlich schmeckt das Essen nicht wirklich schlecht, sondern eher komisch oder mal verbrannt, das passiert relativ oft. Die Leute essen es trotzdem und sonst gibt’s ja auch Döner gleich um die Ecke. Aber wir sind ja nicht in einem Restaurant, sondern auch nur Menschen und keine Roboter.

 

Ruhmsucht: Bestimmt gibt es jeden Samstag, immer wieder neue Erfahrungen und Eindrücke. Fällt dir spontan ein ganz besonderer Abend ein?

Yu: Das nicht direkt, aber die Geschichte von einem liebgewonnen Bekannten ist sehr eindrucksvoll. Er ist ein Mann aus der Obdachlosen Gruppe, die manchmal hier ist. Er kommt aus Rumänien, spricht kein Deutsch und kein Englisch und obwohl wir uns nicht sprachlich verständigen können, ist er sehr beliebt bei uns. Am Anfang kam er nicht immer und auch nicht pünktlich, aber zur Zeit kommt er oft und das freut und wirklich sehr. Miya hat ein Portrait von ihm gemalt und es dann hier ausgestellt. Als er das Bild gesehen hat, musste er weinen und hat die ganze Zeit etwas unterverständliches wie “Kyrwa” gesagt. Aus einem Fremden ist ein Freund geworden, den man gerne trifft und mit dem man gerne zusammen ist.

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Ruhmsucht: Ihr gebt euch wirklich viel Mühe, die Idee der Küche für Alle, den Leuten näher zu bringen. Einer eurer Künstler hat auch einen Comic darüber gezeichnet. Kommt davon noch mehr?

Yu: Wir wollen die gesammelten Geschichten jetzt als Magazin drucken und gerade machen wir auch einen Dokumentarfilm. Die erste Version gibt es bald. Es wird eine DVD geben, mit dem Comic als extra Heftchen. Uns ist aufgefallen, dass es sehr wichtig ist, was wir gerade machen.  Und ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob wir das die nächsten Jahre so weitermachen können.

 

Ruhmsucht: Wieso das, gibt’s einen bestimmten Grund?

Yu: Es kann sich immer mal wieder etwas ändern, vielleicht muss ich irgendwann wieder nach Japan zurück gehen oder jemand anderes geht, sodass bei uns die Balance fehlt und wir die ganze Sache nicht mehr weitermachen können, wie bisher. Deswegen dokumentieren wir das jetzt, damit es vielleicht Andere sehen und ihnen die Idee auch so gut gefällt, um es weiterzumachen. Ein anderes Problem sind auch die Ämter. Ordnungsamt und Hygienevorschriften spielen da eine Rolle. Wir sind kein Restaurant, aber wir geben Essen aus. Das ist immer eine Grauzone. Wir selbst hatten bis jetzt noch keine Probleme, aber ein Projekthaus im Umkreis schon. Sie haben Ärger mit dem Bau- und Ordnungsamt bekommen und mussten erstmal aufhören.

Deswegen hoffen wir auch, dass das Magazin viele Leute ansprechen wird und uns beim Weitermachen hilft.

 

Wir von Ruhmsucht hoffen natürlich auch, dass dieses wunderbare Konzept noch lange möglich sein wird und falls ihr noch nie in den Genuss einer solchen Volxsküche gekommen seid, haben wir hier ein paar weitere Anlaufstellen für euch: Volxsküchen in Leipzig

 

Fotos: Toni Propeller

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