“Leute mit Schlips und Anzug kommen halt nicht rein und kaufen sich ne’ Tafel Schoki.” – Der Bar-Späti

liz1-1
Seit 4 Jahren wohne ich nun schon gegenüber von diesem Spätverkauf in der Kuglerstraße im Prenzlauer Berg. Jeden Morgen schaue ich auf ihn herab und freue mich, dass er immer noch da ist. Und das herrlich ehrlich wie am ersten Tag: Keine blinkenden Neonschilder, kein hochpreisiger Prosecco und kein prätentiöser Name. “Späti” steht draußen an der Scheibe. Innen sieht es nicht anders aus: Ein klappriges Regal, zwei Kühlschränke und eine Theke, jede Menge Bier, ein paar Gummitiere und eine fantastische Besitzerin: Karen Röhl. Als ich sie frage, ob sie Zeit für und Lust auf ein Interview hat, lächelt sie nur und meint: “Klar, ich bin ja da.”

Der Späti ist menschenleer und die Tür steht sperrangelweit offen, als wir zum Interviewtermin auf der Matte stehen. Das wirkt einladender und spart noch dazu Stromkosten für die Kühlschränke, verrät mir Karen auf die Nachfrage, ob sie denn nicht friere. Als wir den vermeintlich leeren Späti betreten, kommt Karen aus dem Zimmer nebenan herbeigeeilt. Neben dem Späti betreibt sie nämlich auch noch die benachbarte Karo-Bar – ganz alleine versteht sich. 

liz2-1

Ruhmsucht:  Wer bist du – und wenn ja, wie viele?

Karen: Ich heiße Karen. Ich mach das alleine. Wirklich ganz alleine.

Ruhmsucht: Wie bist du auf den Späti gekommen?

Karen: Ich hab’ das ursprünglich mal mit meinem damaligen Partner gemacht und seitdem sich die Wege getrennt haben, mach ich das alleine. Wir waren damals selbst Kunden. Wir haben in der Nähe gewohnt und irgendwann kam die Idee auf, dass wir uns selbstständig machen. Und dann meinte die Vorbesitzerin: “Ja, wir verkaufen.” Wir haben ein super Angebot bekommen, haben das wahrgenommen und seit 2009, also seit fast 8 Jahren betreibe ich hier den Spätkauf und die Bar daneben.

Ruhmsucht: Nenne drei Merkmale, die einen guten Spätkauf ausmachen.

Karen: 1. Gutes Sortiment, sodass für jeden was dabei ist. Ich habe sogar Backpulver, Gewürze und frische Sachen da. 2. Freundliche Bedienung (lacht) und 3. Naja, ich finde die anderen Spätis alle so stereotyp und ich glaube, da falle ich ein bisschen raus. Hier ist alles noch so im Tante-Emma-Laden-Style – einfach und durchgewürfelt.  

Ruhmsucht: Das Pfeffiregal ist leergeräumt und die letzte Packung Kondome ausverkauft. Wann kommt es zu solchen Zuständen?

Karen: Nie, weil ich gut vorbereitet bin. Zur Sommerzeit auf jeden Fall eher, wenn die Leute viel draußen sind, viel to-go-Bier und manchmal so nen’ kleinen Pfeffi mitnehmen. Aber ich war eigentlich noch nie ausverkauft, da ich ja gucke und mit den Leuten rede. Die können auch sagen: “Ach Mensch, ich hätte gerne dis und dis”, und wenn ich weiß, dass die auch wirklich wiederkommen, bin ich vorbereitet.

liz4-1
Ruhmsucht: Wann ist Rushhour im Späti?

Karen: Ich hab‘ ab 17 Uhr geöffnet. Das hat genau den Grund: Vorher haben die Supermärkte offen und das lohnt sich nicht. Alles so ab 20 Uhr, wenn die Leute rausgehen und dann bis in die Nacht, macht Sinn. Der Sommer war eher ruhig, aber grade ist richtig viel los. Ich hab’ die letzte Woche unglaublich viel Wein und Sekt verkauft! Man kann das echt nicht sagen: Es gibt auch Samstage, die sind total ruhig und Tage unter der Woche, wo ich gar nicht zum Sitzen komme, sondern ordentlich zu tun habe. Und natürlich ist in der Ferienzeit immer viel los, dann muss ich ständig Bier und Zigaretten nachbestellen.

Ruhmsucht: Beschreibe deine Stammkunden.

Karen: Stammkunden sind vor allem Touristen und eher junge Leute. Aber ich hab’ auch viele ältere Leute, die sich hier noch ihre Milch kaufen, weil sie nicht mehr so weit laufen können. Ich hab’ auch schon so ein Paar gehabt, die Joghurt oder so per Telefon bestellt haben, und denen ich dann auch das Essen nach Hause gebracht habe. Davon geht es aber immer mehr weg. Man merkt schon einen Wandel im Prenzlauer Berg. Man sieht das an den Rewe-Fahrzeugen. Die Leute bestellen da immer mehr und bekommen da natürlich auch alles.

15051948_10154719214809140_1489370103_o
Ruhmsucht: Was war das Verrückteste, das du und dein Späti je erlebt haben?

Karen: Oh (lacht). Ich hab jeden Tag irgendwie verrückte Sachen. Oft total lustige Leute: “Ach komm trink ma enen mit uns”. Aber das Verrückteste… schwierige Frage. Ah doch! Hier wurde schon mal ein Video gedreht und zwar von Thomas Tulpe: Hausverbot. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Das kam, weil eine Freundin von mir damals Merch bei Knorkator gemacht hat.

Ruhmsucht: Und hattest du schon Probleme mit zu betrunkenen Kunden?

Karen: Ja, klar. Ich musste auch schon Leute rausschmeißen, die mit Flaschen und Chips um sich geworfen haben, aber das passiert nicht allzu oft. Ich denke ich bin freundlich genug und da trauen die meisten sich nicht. In 7 Jahren ist das eigentlich auch nur einmal ausgeartet und ich bin bisher auch nur einmal beklaut worden. Tatsache! Das war ein Junge so um die 13, der ist ganz schnell rein, da war ich noch hier drinne und er schnappte sich ne’ Tafel Schokolade und lief raus. Ich hab hinterher gebrüllt und das Interessante war, der ist stehen geblieben, hat sich umgedreht, ist zurückgekommen und hat mir die Schokolade wiedergegeben. “Tschuldigung, Tschuldigung”, meinte er (lacht). Ich war kurz davor ihm die dann zu schenken, aber dann dachte ich mir: “Hm ne.”

Ruhmsucht: Sonntagsschließung – Pro oder contra?

Karen: Contra. Ich beute ja keinen aus! Ich bin auch nicht gläubig oder irgendwie sowas. Warum sollen Tankstellen ein Privileg haben, was ich nicht habe? Ich beute ja maximal mich selber aus. Es ist halt einfach so, dass auch ältere Herrschaften Sonntag früh morgens ihren Zucker für den Kaffee brauchen oder sowas. Also ich verstehs nicht. Ich bin definitiv contra Schließung!

15053294_10154719206894140_603973717_o
Ruhmsucht: Wer ist dein größter Gegner?

Karen: Die Konkurrenz. Wenn du dich mal umguckst, es gibt bestimmt 10. In jeder Ecke, in jeder Straße gibt es hier Spätis. Das ist natürlich auch ein Preiskampf. Jeder will der Günstigste sein. Ich kann’s mir noch erlauben, mit den Preisen relativ weit unten zu bleiben, weil ich nicht ganz so viel Miete bezahle. Ja, und ein weiterer Gegner sind die Bringdienste von den Supermärkten. Ich finde es schade, dass es immer mehr weggeht von der Nachbarschaft und alles online bestellt wird. Früher, als die Leute noch mehr rausgegangen sind, hatte man viel mehr diese Nachbarschaftssache: Du verreist und ich weiß: du bist nicht da. Wenn also Licht bei dir angeht weiß ich: da stimmt was nicht. So ne Sachen. Ich würde sagen, so vor fünf Jahren hat das angefangen, dass immer mehr Studenten weggezogen sind, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten konnten und die Häuser saniert und zu Eigentumswohnungen umgebaut wurden. So ne Leute mit Schlips und Anzug kommen halt nicht rein und kaufen sich ne Tafel Schoki.

Ruhmsucht: Berlin ohne Spätis ist wie …?

Karen: Geht nicht! Berlin ohne Spätis wäre wie auf’m Dorf! Das wäre langweilig. Ich kenn‘ die ganze Straße und man kennt mich. Wenn ich draußen langlaufe, darf ich nicht mal nen’ schlechten Tag haben. Ich wohn‘ auch hier direkt in der Straße. Späti ist Nachbarschaft. Ich werd ganz oft gefragt: “Hast du nicht mal ne Leiter” oder “Ich brauch‘ nen‘ Schraubendreher”. Es ist einfach ein kommunikativer Treffpunkt für die Leute. Und ohne Spätis wär‘ Berlin auch sehr viel teurer – man müsste sich sein Bier bei Tankstellen kaufen.

Ruhmsucht:  Wogegen würdest du deinen Späti sofort eintauschen?

Karen: Gegen ein kleines Häuschen in Brandenburg – aber das hat noch ein bisschen Zeit.

Ruhmsucht: Was naschst du heimlich, wenn niemand hinschaut?

Karen: Ab und zu mal Haribo, aber selten. Im Moment finde ich diese DJ Brause total lecker, [Anmk. d. Red.: um uns von dem Geschmackserlebnis zu überzeugen, gibt Karen erstmal eine Runde DJ Brause aus. Bestechung ;)!].

Ruhmsucht: Was hat es eigentlich mit diesen Papierschlangen hier auf sich?

Karen: Das sind meine Abrechnungen. Jemand wollte mir das auch schonmal abkaufen als Kunstwerk, aber das geht ja nicht, weil das brauch’ ich ja für die Steuer.

Ruhmsucht: Und was auf dieser endlos-anmutenden Schleife hauptsächlich drauf? Womit verdienst du am meisten?

Karen: Hauptumsatz sind Tabakwaren, Süßigkeiten, Chips, Bier und Wein.

Die Schlange möge noch lange weiter wachsen, denken wir uns und stoßen darauf an, dass Berlin diese einmaligen Nachbarschafts-Spätis noch lange erhalten bleiben.

liz3-1

Ruhmsucht: Eine letzte Challenge: Zeichne dich selbst!

Karen: Ohje, ohje. Ich kann ja gar nicht zeichnen!

 

Fotos: Berk Karaoglu

Kommentar verfassen