Vom Blumenzopf bis zur Zylinderschraube – Der Werkzeugspäti

Doris ist seit elf Jahren Spätibesitzerin. Vor vier Jahren hat sie einen kleinen Werkzeugladen in der Pannierstraße in Neukölln übernommen. Ihre Getränke, Zigaretten und Zeitschriften hat sie mitgenommen und einen Späti eröffnet, in dem du neben den alltäglichen Kleinigkeiten auch den Schraubenschlüssel deines Vertrauens erwerben kannst. Sie schmeißt ihren Werkzeugspäti jeden Tag ohne Hilfe, kämpft ums Überleben da die Konkurrenz stark und die Mieten hoch sind. Doris gönnt sich wenig Pausen und verzichtet jeden Tag, trotz vieler Stunden Arbeit, auf die Mittagspause.

 

Doris: Ich esse nichts im Laden, weil ich beim Essen nicht gestört werden will. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn du gerade dein Mittag auspackst und dann ein Kunde bedient werden will. Auf der anderen Seite kann ich auch nicht einfach den Späti für eine halbe Stunde schließen, weil ich so viele schwere Sachen wie Zeitungsständer, Bänke und Tische jeden Tag raus- und reintragen muss. Deswegen lasse ich die Mittagspause jeden Tag ausfallen, mein Körper hat sich ganz gut damit arrangiert.

 

Der Späti selbst ist sehr groß und voll. Die meisten Werkzeuge können wir nicht beim Namen nennen, aber sie stapeln sich bis unter die Decke und sie sehen alle ungeheuer nützlich aus.
Obwohl ihr Späti Sonntags geschlossen bleibt, ist sie genervt von pedantischen Gesetzeshütern, die auch ihren Späti wöchentlich umkreisen, um eventuelle Sonntagsöffnungen sofort abzumahnen. Auf das Thema „Sonntagsschließung“ angesprochen, holt sie einen Artikel des Tagesspiegels unter der Ladentheke hervor. Das Titelbild zeigt ein in der Spätiszene bekanntes Gesicht: es gehört Robert Ruf, besser bekannt als „Der Sheriff“. Robert Ruf ist der Neuköllner Spätialbtraum, ein Polizeioberkommissar mit Hang zur Selbstdarstellung. Hier geht’s zum Artikel. Auch vor Doris‘ Werkzeugspäti hat er bereits vergeblich nach Erfolg für seinen Gerechtigkeitswahn gegeiert.
Doris sitzt zwischen unzähligen Zeitungen und raucht. Sie verliert auch bei Themen, die mit der Bedrohung ihres Spätis in Zusammenhang stehen , wie Mieterhöhungen und Konkurrenzdruck, nie ihr warmes Lächeln.

 

Ruhmsucht: Wer bist du und wenn ja, wie viele?

Doris: Ich bin die Doris und im Späti als Einzelkämpferin unterwegs. Wir haben hier eine weltweit einzigartige Warenmischung: Vom Blumentopf bis zur Zylinderschraube.

 

Ruhmsucht: Wie kamst du auf den Späti?

Doris: Ursprünglich war das die Idee meines Freundes. Wir hatten an anderer Stelle als Telecafé, Getränke- und Zigarettenladen angefangen. Vor vier Jahren wurde ich dort weggentrifiziert und habe eine neue Bleibe für meinen Kiosk gesucht. Letztlich kam mir die Idee, diesen Heimwerkerladen zu übernehmen, weil ich wusste, dass der Vorgänger in Rente gehen wollte.

 

Ruhmsucht: Nenne drei Merkmale, die einen guten Spätkauf ausmachen.

Doris: Warenvielfalt, Öffnungszeiten, Freundlichkeit.

 

Ruhmsucht: Das Pfeffiregal ist leergeräumt und die letzte Packung Kondome ausverkauft – wann kommt es zu solchen Zuständen?

Doris: Bei mir leider nicht so oft, weil ich nicht nachtaktiv bin. Aber die Frage nach Kondomen kommt schon häufiger. Das sind meist so verhuschte Jungs, die ganz verschämt nachfragen. Das scheint immer noch eine ganz schamhafte Angelegenheit zu sein.

 

Ruhmsucht: Beschreibe deine Stammkunden.

Doris: Meine Stammkunden belaufen sich eher auf die Nachbarschaft, die sich hier Getränke, Tabak und Zeitschriften holen. Neben den Jüngeren sind auch einige alte Neuköllner aus dem Kiez dabei. Einige fragen immer noch nach dem Vorbesitzer, weil sie denken, das sei mein Mann gewesen. Das ist meine große Nervfrage und nie ein guter Einstieg ins Gespräch. Ansonsten bin ich ja zum Glück kein reiner Späti, sondern habe noch mein Werkzeug. Das würde sich sonst bei dem Späti-Angebot hier ringsherum nicht lohnen.

 

Ruhmsucht: Was war das Verrückteste, das du und dein Späti je erlebt haben?

Doris: Letztes Jahr im Herbst hat ein junger Mann ein Brecheisen gekauft und trug dabei Handschuhe. Mit war sofort klar, dass damit nichts Gutes passieren wird. Früher hätte ich ihm das nicht verkauft, aber mittlerweile habe ich des Geldes wegen meine Prinzipien über Bord geworfen. Ich verkaufte ihm also das Brecheisen. Monate später schlich derselbe Typ vor meinem Späti rum. Schließlich kam er rein, war total nervös und packte seine Story aus: Sein Bruder habe vor ein paar Monaten hier einen Schraubenzieher gekauft und sei deswegen nun im Knast. Er hätte jetzt gerne eine Quittung dafür. Mein Gott, dachte ich, stellt der sich blöd an. Ich habe mich dann bereit erklärt mit seinem Anwalt zu reden. Der Anwalt hat mich später auch angerufen. Ich sollte als Entlastungszeugin dienen. Da ich aber bereits beim Kauf des Brecheisens wusste, was damit gemacht wird, konnte ich als Entlastungszeugin nicht so richtig gute Worte für ihn einlegen.

 

Ruhmsucht: Sonntagsschließung – Pro oder contra?

Doris: Ich bin dafür, dass jeder Mensch seinen Späti nach Belieben öffnen und schließen darf. Als einziges Manko sehe ich die Ruhestörung in der Nacht zum Sonntag. Wenn Trauben von Alkis vorm Späti hängen, bin ich auch genervt.

 

Ruhmsucht: Wer ist dein größter Gegner?

Doris: Die Miete!

 

Ruhmsucht: Berlin ohne Spätis ist wie … ?

Doris (überlegt lange): Ich selbst bin gar keine Späti-Kundin (lacht) deswegen kann ich dazu gar nichts sagen. Wenn ich was brauche, gehe ich in die Nachbarschaft und frage, so wie früher.

 

Ruhmsucht: Was snakst du heimlich, wenn niemand hinschaut?

Doris: Fruchtkracher und diese kleinen Bananen, die besitzen großes Suchtpotenzial!

 

Ruhmsucht: Zeichne dich selbst, liebe Doris!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text: Diana Schieck

Fotos: Berk Karaoglu

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